Die Personen, die der Zeugin am Abend, an dem Mehmet Kubasik erschossen wurde, entgegen kommen, schauen sie so aggressiv an, dass sie vor Angst die Straßenseite wechselt. Sie ist die einzige Zeugin. Als sie zunächst von Polizisten nach den Tätern gefragt wird, wie die Leute aussahen, sagt sie ganz klar: „Entweder Junkies oder Nazis.“ Dann redet sie zum ersten Mal mit jemandem vom Staatsschutz. Dass es Nazis gewesen sein könnten, wird ihr schnell ausgeredet.
Später spricht sie noch einmal mit Beamten vom Staatsschutz. Sie wiederholt ihre Einschätzung: „Entweder Junkies oder Nazis!“ Doch auch diesmal findet ihr Verdacht keine Erwähnung. „Immer wieder fällt das Wort Nazis weg“, berichtet Antonia von der Behrens.
Stattdessen wurde bei Freunden und Verwandten von Kubasik nachgefragt: „Hatte er nicht doch eine eifersüchtige Freundin gehabt oder mit Drogen gedealt?“, sagt die Anwältin der Angehörigen von Mehmet Kubasik. „Es wurde nur in eine Richtung ermittelt – das war bei Kubasik, aber auch bei anderen so.“ Nicht zuletzt auf Kosten der Angehörigen: „Man hat jahrelang das gemacht, was die Familie nicht nur belastet, sondern auch stigmatisiert hat.“
Es ist nur eine von vielen Geschichten, die von der Behrens als involvierte Nebenklägerin des NSU-Prozesses im Schauspielhaus Dortmund aufzeigt. Die erste „Blackbox NSU“-Diskussionsveranstaltung, die im Rahmen der Ausstellung „Weisse Wölfe“ über den Nazi-Terror in Dortmund läuft, informierte über den Stand der Dinge des NSU-Prozesses in München.
Aufklärung unerwünscht
Wirkliche Aufklärungsarbeit findet dort nicht statt: Sowohl die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe als auch andere Nazis, die in die Terrorserie des Nationalsozialistischen Untergrunds verstrickt waren und auf der Zeugenbank sitzen, schweigen beharrlich.
Was von der Behrens aber vor allem empört ist, dass es um die V-Leute, die als Zeugen eingebunden sind, nicht anders bestellt ist, wie sie am Fall von Andreas Tanner erläutert. Zwei Tage nach dem Mord an Kubasik war dieser V-Mann in einem Café in Kassel, als der Mord an Halit Yozgat begangen wurde und wo sich auch das Terror-Trio aufhielt. „Er muss die Täter gesehen haben“, ist sich die Anwältin sicher. Trotzdem wird er von seiner Behörde beschützt.
Zudem gebe es Infos, dass ein rechter V-Mann auch Infos an Tanner weiter gegeben hat – so gab es 30 Minuten vor dem Mord ein Telefonat zwischen beiden: „Das ist jetzt rausgekommen. Aber heute sagen beide, nicht mehr zu wissen, worüber sie gesprochen haben“, so von der Behrens. „Der einzige Tatzeuge sagt nichts und lügt – und das als Beamter. Und das Schlimme ist: Es gibt keinen Aufschrei. Die V-Leute lügen genauso wie die Nazis.“
Ein wirkliches Interesse, weitere Terror-Strukturen und Verbindungen aufzudecken, zeige auch die Bundesstaatsanwaltschaft nicht. Vielmehr solle der Fall auf das Trio beschränkt und alle anderen Zusammenhänge verdeckt bleiben, wie sich von der Behrens empört: „Die wollen die Leute, die da sitzen, verurteilen, aber nicht, dass weitere Fragen aufkommen; etwa welche V-Männer noch drin stecken.“ Nicht zuletzt die Verbindungen zur Dortmunder Nazi-Szene blieben dadurch unaufgeklärt.
David Schraven, Redaktionsleiter des Recherchebüros correct!v und Autor der graphischen Reportage „Weisse Wölfe“ fragte auch, wie die Szene sich so sehr radikalisieren konnte. Von der Behrens kann nur auf die Aufmärsche, die Laissez-faire-Politik von Staat und Polizei vor dem Hintergrund der Pogrome Anfang der 90er verweisen, wodurch die Szene gestärkt wurde.
Das erinnert sehr an die Situation in Dortmund erinnert. Das sind Zusammenhänge, die dann wohl doch zu offensichtlich sind, um sie verdecken zu können.
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