Zekai Fenerci
Foto: Oliver Look

„Hip-Hop hat im Ruhrgebiet eine höhere Erreichbarkeit als Theater“

28. November 2023

Zekai Fenerci von Pottporus über Urbane Kultur in der Region – Über Tage 12/23

Der Verein Pottporus wurde 2007 von Zekai Fenerci gegründet, um Impulse wie Graffiti oder Hip-Hop in die Kulturlandschaft zu bringen. Im Interview spricht der Geschäftsführer und Künstlerische Leiter über die Sichtbarkeit von Urban Arts, ungerechte Förderung und Ghettoblaster vor Einkaufshäusern.

trailer: Zekai, als Pottporus widmet ihr euch der Urbanen Kunst im Ruhrgebiet. Welche Bedeutung haben Hip-Hop und Street Art hier?

Zekai Fenerci: Das Ruhrgebiet hat eines der größten Potentiale darin, den Hip-Hop in die Gesamtkultur zu integrieren. Denn die Region ist sehr eng besiedelt und verknüpft. Der Hip-Hop-Instinkt kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Man darf aber nicht vergessen, dass es prekäre Gesellschaftsschichten waren, die ihn ursprünglich für sich entdeckt, ihn vorangetrieben haben und sich bis heute mit ihm identifizieren und von ihm repräsentiert fühlen. Das alles gehört zur Identität des Ruhrgebiets und bedeutet eine künstlerische Qualität, die in dieser Dimension in ganz Deutschland schwierig zu finden ist. Deswegen kann der Hip-Hop eine wichtige Rolle in der Metropole Ruhr übernehmen. Das gilt auch für die Entwicklung der jungen Menschen und die Stärkung ihres Gemeinschaftsgefühls.

Inwiefern habt ihr damit eine Subkultur in den etablierten Kunsteinrichtungen sichtbar gemacht, die sich vorher im Underground bewegte?

Der Hip-Hop war schon immerdemUnderground verhaftet. Mit der Frage nach der Sichtbarkeit kommen wir als Pottporus ins Spiel: Wir wollen den Hip-Hop nicht verändern, sondern eine Veränderung für alle jene vorantreiben, welche den Hip-Hop als Kunst definieren und damit zugleich Menschen erreichen, die nicht aus dem Szene-Kontext kommen. Wir wollen also eine Brücke schlagen zwischen den Künstlern und denen, die Hip-Hop konsumieren wollen.

Zuletzt wart ihr auch in den Institutionen der Hochkultur wie dem Schauspielhaus Bochum oder dem Theater Oberhausen vertreten. Wie schwierig ist es, sich dort mit Urbaner Kunst wie eben Hip-Hop zu behaupten?

Hip-Hop sollte allgemein von Leuten gemacht werden, die wirklich aus dieser Szene kommen. Es gibt aber Tendenzen, wo manche auf den Zug mit aufspringen wollen. Mir ist es aber wichtig, dass der Hip-Hop die Hochkultur selbstständig entdeckt. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns gegenüber den Häusern immer wieder neu behaupten und positionieren.

Fest etabliert sind in den erwähnten Häusern dagegen klassische Sparten wie das Ballett. Was bedeutet das für die Nachwuchstänzer:innen in dieser Region?

Es ist ein Manko, dass an der Folkwang Hochschule einige aus der Hip-Hop-Szene kommen und dort studieren. Aber es gibt dort keinen Hip-Hop als Fach, das man erlernen kann. Wir selbst sprechen uns seit Jahren dafür aus, dass man auch im Ruhrgebiet bzw. in Deutschland Tanzformen aus dem Hip-Hop studieren kann. Pina Bausch gilt völlig zu Recht als die Erfinderin einer neuen Tanzsprache. Es muss aber auch einen Platz geben für das, was nachkommt. Doch dem Hip-Hop fehlen immer noch nachhaltige Förderstrukturen

Du bist als Sohn eines türkischen Bergmanns im Ruhrgebiet aufgewachsen und damals selbst auf den Hip-Hop gestoßen. Wie hast du diese Subkultur damals erlebt?

Für mich war Hip-Hop ein Zufluchtsort. Denn du bist in Deutschland und kennst die Kultur nicht. Die Eltern sind permanent arbeiten, weil sie Geld verdienen müssen. Dann kommst du in die Schule, wo du auch der Fremde bist. Aber irgendwo willst du ja dazugehören. Hip-Hop gab mir dann das Gefühl, mich mit etwas zu beschäftigen – ganz egal, ob ich rappen, malen oder tanzen will. Hip-Hop ist also für Menschen, die nicht aufgeben und irgendwo dazugehören wollen – auch wenn sie aufgrund ihrer sozialen Situation abgehängt sind. Er ist wie eine Ankerrettung, durch die man mit Leuten zusammenkommt, sich austauscht und schließlich herumexperimentiert. Deswegen ist der Hip-Hop in Schulen, Jugendhäusern, Stadtteilprojekten oder eben in Theatern die einfachste künstlerische Zugangsform, die es gibt. Denn der Hip-Hop spricht jeden an, weil er von der Straße kommt. In den 1980er Jahren gab es lebhafte Innenstädte, in denen Leute tanzten. Es gab auch im Ruhrgebiet junge Menschen, die sich mit einem Ghettoblaster vor die Einkaufshäuser gestellt und getanzt haben. Das ist auch der Unterschied zwischen dem Theater und dem Hip-Hop, der ganz nah am Bürger ist. Durch den Tanz auf der Straße wurde eine Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit erzeugt. Das Theater fand dagegen in geschlossenen Gebäuden statt. Wenn du dahin gehst, musst du Vorwissen mitbringen, denken viele. Deswegen hat der Hip-Hop gerade im Ruhrgebiet eine höhere Erreichbarkeit als das Theater.

Benjamin Trilling

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