Will im Kino die Vorstellungen „des Anderen“ kennenlernen: Lisa Mertens
Foto: Privat

Reden im Kino erlaubt

31. August 2017

Pssst, leise? Im Gegenteil! – Vorspann 09/17

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Kommt diese simple Frage auf, fühlen viele sich geneigt zu sagen: Nicht in dieser. Laut der Wiederholungsbefragung SOEP (Sozio-oekonomisches Panel) sind die Deutschen mit ihrem Leben so zufrieden wie schon lange nicht mehr, mit der gesellschaftlichen Situation paradoxerweise aber unglaublich unzufrieden. Zu der Einstellung, dass es hier (sozial) ungerecht zugehe, kommen starke Zukunftsängste. Daher: Nein, in dieser  Gesellschaft wollen „wir“ nicht leben. Doch die Vorstellungen, in welcher Gesellschaft „wir“ denn dann leben wollen, gehen stark auseinander. Wie stark sie im Parteienspektrum abgebildet auseinandergehen, wird sich am 24. September zeigen. Wie stark sie jenseits dessen auseinandergehen, zeigt die Masse an alternativen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Sie berühren Glauben und Religion, Gesundheit und Ernährung, Konsum und Einkommen, geben sich national, international, egalnational.

Ich habe eine Vorstellung davon, wie Gesellschaft aussehen sollte, du hast womöglich eine andere. Wir werden vielleicht niemals auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ein Problem? Ja, schon. Aber die von „uns“ so kritisierte Gesellschaft bietet immerhin die Möglichkeit (und das sollte doch ein gemeinsamer Nenner sein, oder?), auseinandergehende Meinungen zu äußern und ins Gespräch zu treten. Das ist natürlich kein Allheilmittel, nach dem alle friedlich Ringelreigen tanzen, aber vielleicht wird dadurch „das Andere“ nachvollziehbarer.

Kunst ist Teil der Gesellschaft, will diese gestalten, mitmischen. Das ist das Statement des Forums Europe Ruhr, das am 7. September in Essen stattfindet und den großen Brückenschlag anstrebt zwischen Künstlern und Politik- und Wirtschaftsvertretern. Zur Kunst gehört das Kino. Wie Kino mitmischen kann, Brücken schlagen zwischen Menschen, Kulturen und Wertvorstellungen, sei anhand von Beispielen dieses Monats vorgestellt: Am 6. September läuft im Dortmunder sweetSixteen die Doku „The End of Meat“ mit anschließendem Regisseurgespräch. Ein Nischenfilm für verbissene Veganer? Mitnichten. Ob und welchen Einfluss Fleischkonsum gesamtgesellschaftlich hat, kann kontrovers diskutiert werden. Also an alle (!) Ernährungs- und Umweltexperten: Stellt euch konstruktiv der Herausforderung. Keine gesellschaftspolitische Diskussion ohne das Thema Flüchtlinge: Am 9. September zeigt das Essener Filmstudio Glückauf „Als Paul übers Meer kam“. Im Anschluss sind alle Kinogänger eingeladen, mit dem Regisseur darüber zu sprechen, zu streiten, wie Hilfe für Hilfesuchende aussehen soll und wie weit wir Gesellschaft definieren, wenn es um das Streben nach einem besseren Leben geht. Nur ernste Dokus? Nein, auch Fans der (Anti-)Superheldenfilme kommen auf ihre Kosten, wenn das KWI am 19. September ins Astra Theater einlädt, die Gesellschaftsentwürfe im amerikanischen Heldenkino zu debattieren. Helden spiegeln schließlich die Ideale und Wünsche einer meist zweifelnden Gesellschaft wieder.

„Wir“ werden im Kino natürlich nicht die Antwort auf die Frage finden, wie „unsere“ Gesellschaft denn nun aussehen soll. Aber wir können die Gesellschaftsvorstellungen „des Anderen“ kennenlernen – und dann vielleicht auch nachvollziehen.

Lisa Mertens

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