
Nostalgie hat viele Gestalten.
In „The Room Next Door“, dem jüngsten Drama von Pedro Almodóvar, verkörpert Tilda Swinton die todkranke Martha. Daraufhin gefragt, ob Martha es in Betracht ziehe, zum Sterben einen Ort ihrer Vergangenheit aufzusuchen, spricht sie sich gegen eine solche Rückkehr aus, denn: „Es raubt dir die Erinnerung.“ So wie Erinnerungen schmerzlich sein können, können sie auch Sehnsuchtsorte sein. Orte einer wohligen Emotion. Aber auch Orte, die es so nicht mehr gibt, wie wir uns an sie erinnern. Weil sie sich verändert haben. Oder weil wir sie in unserem Kopf verändert haben. Das Leben ist kein Ponyhof – Nostalgie schon. Manche Erinnerung bleibt nostalgisch konserviert. Wenn wir also in Erinnerungen schwelgen, uns dabei vielleicht nur die Rosinen herauspicken und sie womöglich noch ausschmücken, verklären, idealisieren – dann wird es uns nostalgisch ums Herz. Ein schönes Gefühl. Dafür genügen einfache Trigger: der Austausch mit Weggefährt:innen über die gemeinsame Vergangenheit, ein Buch das früher spielt oder ein Film damals im Kino. Oder ein Song. Ein Song ist Verdichtung pur. Weil schon der Song mit drei Minuten Verdichtung ist. Emotionale Verdichtung. Nichts verbindet uns mit einem vergangenen Moment so wie ein Song. Gemessen an einem Roman ist ein Lied ein Moment. Nach drei Takten Nostalgie kullern Tränen. So schnell ist kein Film, und so schnell ist schon gar kein Buch.
Ponyhöfe und Poesiealben
Nun ist das hier aber kein Poesiealbum, sondern eine Glosse. Also Folgendes: Wie dargestellt kann die Nostalgiedusche erfrischend sein für einen Moment, gar heilsam. Schwierig wird es, wenn man über nostalgische Momente die Vergangenheit neu erfindet, Geschichte nostalgisch einfärbt und damit neu schreibt. Wenn von Diktaturen nur noch Autobahnen und Trabbis übrig bleiben.
Wir Deutschen jammern grundsätzlich weniger über die Vergangenheit, sondern bevorzugt über das Hier und Jetzt. Nicht zuletzt, weil wir behaupten, dass früher alles besser war. Wer Tränen in Nostalgie verliert, weint in der Regel Glückstränen. Wir Deutschen aber heulen noch viel lieber bitterlich den alten Zeiten hinterher. Weil wir nicht zugeben wollen, dass es uns gerade eigentlich richtig prima geht. An dieser Stelle sei das vorsichthalber in Erinnerung gerufen: Uns Deutschen geht es immer noch ganz schön prächtig! Da darf man ruhig mal drauf anstoßen. Nur quält einem bei so viel Wohlstand auch schon mal das schlechte Gewissen. Wenn wir wiederum behaupten, uns ginge es nicht gut, dann brauchen wir kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Wer jammert, ist Opfer, selbst wenn es ihm gut geht. Also jammern wir und weinen und strampeln – befeuert von triefender nostalgischer Rückbesinnung. Unsere Strategie aus Wohlstands-Country: Erst verklären wir uns aus der Gegenwart heraus die Vergangenheit schöner als sie war, um uns dann die Gegenwart über die Vergangenheit schlechter zu reden als sie ist. Wir wollen die Vergangenheit zurück! Das Komplett-Comeback dessen, was uns heute so nostalgisch stimmt. Stabilität. Wohlstand. Ponyhof. Und dafür müssen wir doch eigentlich bloß eines tun: Nichts.
Handlungsbedarf Null
Doof nur, wenn reale Herausforderungen wie Klimakatastrophe oder Angriffskrieg im Nachbarland vom Nachbarland reingrätschen. Nostalgie kommt dann ungelegen, wenn die Rückbesinnung dazu führt, nichts ändern zu wollen, wenn man etwas ändern muss. Aber wir ändern halt am liebsten nichts – also Kopf in den Sand! Wir wollen doch nichts Böses, wir wollen bloß, dass alles wieder wird wie früher. Und für so eine einfache Forderung geben wir uns einfach mit einfachen Antworten zufrieden. Rückfall zurück ins Kleinkindstadium: Wir plärren, und wir verstummen gesättigt, sobald uns jemand den Nostalgie-Schnuller in den Mund steckt. Wir wollen Frieden, und wenn jemand seine Partei als Friedenspartei deklariert, dann geben wir ihr unsere Stimme. Easy. Dann wird alles wieder gut. Dann sind wir wieder da, wo wir vor zehn Jahren waren. Damals, als Putin die Krim besetzte, da war die Welt noch in Ordnung. Da wird uns ganz nostalgisch zumute.
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