Ungefähr drei Millionen Frauen und Mädchen sind derzeit weltweit der Gefahr ausgesetzt, Opfer einer weiblichen Genitalverstümmelung zu werden. Alle elf Sekunden wird die sogenannte „Female Genital Mutilation“, kurz FGM, durchgeführt. Wahrscheinlich leben heute 125 Millionen genitalbeschnittene Mädchen und Frauen in den in insgesamt 29 Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens, in denen diese Praktik angewendet wird. In manchen Fällen sind es auch Babys oder erwachsene Frauen.
Insgesamt werden vier Arten der weiblichen Genitalbeschneidung von der Weltgesundheitsorganisation WHO unterschieden. Bei der Typ 1-Beschneidung, auch Klitoridektomie genannt, wird den Mädchen entweder die Klitorisvorhaut oder auch die gesamte Klitoris entfernt. Bei der Typ 2-Beschneidung werden zusätzlich zur Klitoridektomie die inneren Schamlippen gekürzt oder auch komplett weggeschnitten. Die schwerste Form der Beschneidung ist die vom Typ 3, die sogenannte Infibulation. Dabei werden nicht nur die äußeren Genitalien wie Klitoris und Schamlippen entfernt, das Mädchen wird zudem noch bis auf eine kleine Öffnung zugenäht. Die Öffnung bleibt, damit Urin und Menstruationsblut abfließen können. Nach dieser Form der Beschneidung werden den Frauen die Schenkel zusammengebunden und sie müssen liegend warten, dass die Wunden verheilen. Die Klassifikation der Typ 4-Beschneidung fasst alle Arten der Beschädigung der weiblichen Genitalien zusammen, die nicht unter die ersten drei fallen. Dazu gehören das Einführen von brennenden oder ätzenden Substanzen in die Scheide oder auch das Einstechen und Durchbohren der weiblichen Genitalien. Welche Art von Beschneidung durchgeführt wird, ist sowohl vom Land als auch von der Ethnie abhängig.
Die Folgen können in allen Fällen für die Frauen schwerwiegend sein. Der Schmerz und das Leid bei der Beschneidung selbst, während die Nerven und das sensible Gewebe der Genitalien zerschnitten werden, muss unvorstellbar sein. Durch den Schmerz selbst kann ein Schock ausgelöst werden, ebenso wie durch starke Blutungen. Da die Beschneidungen nicht in einer sterilen Umgebung durchgeführt werden, sind schwerwiegende Entzündungen keine Seltenheit. Viele Mädchen sterben nach der Beschneidung oder an den langfristigen Folgen: Schwierigkeiten beim Absetzen von Urin oder Stuhlgang, Schwellungen und Ödeme sind möglich. Ansteckung mit Tetanus, Hepatitis oder HIV ist nicht auszuschließen. Für Frauen, die nach der Infibulationsmethode beschnitten wurden, geht die Qual noch weiter. Für die Hochzeitsnacht werden sie wieder aufgeschnitten, oder der Mann versucht so lange in die kleine Öffnung einzudringen, bis die Genitalien aufreißen. Oft wird danach eine Reinfibulation durchgeführt, die Frauen werden wieder zusammengenäht. Im Falle einer Schwangerschaft wird es genauso gehandhabt, die Frau wird vor der Geburt entweder geöffnet oder reißt erneut auf. Die Sterblichkeitsrate bei Müttern und Säuglingen ist hoch.
Die Gründe für die Beschneidung der weiblichen Geschlechtsteile sind vielfältig. Sie entspringen einem Mix aus kulturellen, sozialen und religiösen Faktoren. Keuschheit ist in allen Ländern, die FGM praktizieren, ein wichtiger Faktor. So gibt es die Vorstellung, dass die Beschneidung den Frauen hilft, ein angemessenes sexuelles Verhalten an den Tag zu legen, indem ihre Libido reduziert wird. Oft spielen Ideale von Weiblichkeit und Ästhetik eine Rolle, durch die Beschneidung werden „unreine“ oder als „männlich“ aufgefasste Körperteile entfernt. Die Beschneidung ist traditionell fest verankert und wird meistens nicht hinterfragt. Der soziale Druck ist hoch: Bei einer Verweigerung der Beschneidung ist oftmals ein Ausschluss aus der Gemeinschaft die Folge.
FGM stellt einen Verstoß gegen die Menschenrechtserklärung und die Kinderrechtskonvention dar. In den Staaten der EU fällt FGM unter den Straftatbestand der Verletzung der körperlichen Unversehrtheit, in Deutschland gilt sie als schwere Körperverletzung. Dennoch sind in Deutschland schätzungsweise 6000 Mädchen von der Genitalverstümmelung bedroht, die oft während einer Ferienreise in die Ursprungsländer durchgeführt wird. In einigen afrikanischen und den Ländern des Mittleren Ostens gilt die weibliche Beschneidung als verboten, wird aber oft nicht geahndet. Um FGM langfristig ein Ende zu bereiten, muss weltweit eine einheitliche Gesetzgebung gegen FGM erlassen werden. Medizinisches Personal muss speziell auf den Umgang mit verstümmelten Frauen geschult werden und jeden entdeckten Fall den Behörden melden. Aufklärung über FGM und die Folgen soll eine Bewusstseinsänderung in Gesellschaften der praktizierenden Länder herbeiführen. Denn weibliche Genitalverstümmelung ist keine Tradition sondern ein Verbrechen.
Aktiv im Thema
retteeinekleinewuestenblume.de | Desert Flower Foundation von Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie
www.krankenhaus-waldfriede.de | Das Desert Flower Center bietet Frauen, die nach einer Genitalverstümmelung leiden, ganzheitliche medizinische Versorgung an
www.stop-mutilation.org | Gegen die Beschneidung von Mädchen in Europa und Afrika
www.frauenrechte.de | Terre de femmes
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