Italien: Meer und Sonne satt, eine einzigartige Kultur, das beste Essen der Welt und La Dolce Vita. Aber hat man sich in letzter Zeit nicht eher gewundert oder zumindest geschmunzelt, wenn es um jenes Land ging, das die Deutschen mit Goethe und spätestens in den 60er Jahren lieben (und verklären) lernten? Stichwort: Silvio Berlusconi. Der Italienverein stellte in Dortmund den Dokumentarfilm „Italy – Love it or leave it“ vor und nahm die Frage, der die Filmemacher Luca Ragazzi und Gustav Hofer hier nachgehen, zum Anlass, mit Publikum und Italienkennern über Klischees, die politische und wirtschaftliche Situation des Landes, über Heimweh und die Hoffnung auf ein „besseres“ Italien zu diskutieren.
„Italy – Love it or leave it“ ist ein kleines Road-Movie, eine Dokumentation mit investigativem Gestus, ein ernüchternder Blick hinter schmucke Fassaden, und doch auch eine Liebeserklärung an Italien. Luca und Gustav wohnen in Rom. Nun haben sie beschlossen, umzuziehen, streiten sich aber darüber, wo sie in Zukunft leben wollen. Gustav findet, in Italien kann man nicht mehr leben, er will nach Berlin. Luca aber kann sich nicht vorstellen, seine geliebte Heimat zu verlassen. Die beiden beschließen, sich eine Frist von sechs Monaten zu setzen, um eine Entscheidung zu treffen. Bleiben oder gehen? Das ist also die Frage.

Im farbig wechselnden Kleinstwagen geht es quer durchs Land. Was der Zuschauer dabei erfährt, ist nicht ganz neu und zum Teil auf die allermeisten europäischen Länder übertragbar. In der Zusammenstellung aber erhält man einen durchaus erhellenden Eindruck von den aktuellen gesellschaftlichen Realitäten Italiens. Und da liegt vieles, sehr vieles im Argen: Die Arbeiter der Kultmarke Fiat sind auf Kurzarbeit und bangen um ihre Beschäftigung. Kaffeeliebhaber auf der ganzen Welt brauen ihren Espresso gern im stilvollen Bialetti-Kännchen. Bialetti aber produziert längst nicht mehr in Italien, sondern im billigeren Ausland. Wer am Comer See Urlaub macht, sollte sich zweimal überlegen, ins kühle Nass zu springen, denn wie viele andere Gewässer Italiens ist der See total verschmutzt. Das Müllproblem in Neapel ist nicht gelöst, es gibt absurde Bauprojekte, die die Landschaft verschandeln, und der Kampf gegen die Mafia ist längst nicht gewonnen. Alte Männer vom Schlage Berlusconis korrumpieren das Land, das Frauenbild erfährt eine skandalöse Pornografisierung, und überhaupt ist eine allgemeine Verrohung der Kultur zu beobachten. Italien, so lautet Gustavs Diagnose, ist zur Fernsehgesellschaft mutiert, die von ihrer ruhmreichen Vergangenheit lebt.

Der Italienverein hatte an diesem sonnigen Sonntagnachmittag drei Italienkennerinnen eingeladen: Debora Caparelli ist vor zwölf Jahren mit ihren Eltern aus Kalabrien nach Deutschland gekommen. Louisa Silvas, in Schwerte geboren, zog mit sechs nach Sardinien und wohnt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr wieder im Ruhrgebiet. Die Museumspädagogin und Fremdsprachenlehrerin Alessandra Palmas kommt aus dem Piemont und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Trotz kleiner Unterschiede bestätigten alle drei weitgehend das Bild, das der Film zeichnet. Die Runde zeigte sich bei aller Liebe zu Italien ebenfalls sehr kritisch. Die politische Situation aus der Ferne zu beobachten, aus deutscher Perspektive quasi, das sei schon ziemlich krass: „La Dolce Vita“, das könne sich vielleicht eine privilegierte Minderheit erlauben, aber für die meisten Italiener gelte das sicherlich nicht, betonte Alessandra Palmas. Das Gefühl einer besonders gelassenen, genießerischen Lebensart stelle sich ohnehin nur in den Sommermonaten ein, und dann vor allem, wenn man als Gast ins Land komme. Gespräche mit der Familie und Freunden bestätigten, dass die Grundstimmung vielmehr von der Krise geprägt sei. Viele junge Leute fänden keinen Job und seien über die politischen Zustände derart frustriert, dass sie gar nicht mehr zur Wahl gingen.
Den allzu pessimistischen Grundton der Diskussion galt es am Ende etwas aufzulockern. Ob sich angesichts der Probleme nicht gerade die Aufgabe stelle, aktiv zu werden und irgendwie zu helfen, fragte Jenny Eimer, Leiterin des Italienvereins. Und Louisa betonte, sie träume trotz allem davon, ihren Lebensabend in Italien zu verbringen. Denn vieles sei einfach unvergleichlich schön dort.
Der Italienverein Dortmund existiert seit 2010 und engagiert sich mit einem großen Angebot an Sprachkursen, Stadtführungen, italienischer Bibliothek, Filmabenden, Restauranttests und thematischen Sonderveranstaltungen für die Förderung und Vermittlung der italienischen Sprache und Kultur im Ruhrgebiet. Mehr Infos unter: www.italienverein.de
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