Gefühle und Begierden ändern sich
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Von leisen Küssen zu lauten Fehltritten

28. Mai 2024

Teil 1: Leitartikel – Offene Beziehungen: Freiheit oder Flucht vor der Monogamie?

Für viele fängt Fremdgehen beim Kuss an, für andere ist im Bett (oder auf der Clubtoilette) die letzte Grenze überschritten. Manche sagen, Untreue beginne bereits im Kopf, doch noch bleiben Gedankenverbrechen, auch die moralischen, ein Ding der Science-Fiction. Diesen Ansichten ist gemein, dass das Verbrechen am Versprechen zur gemeinsamen Lebensgestaltung mit dem Körperlichen einhergeht. Ist das nicht ein bemerkenswerter Widerspruch? Die feste Beziehung und ihr zertifizierter Zwilling, die Ehe, sind Konzepte, die Vertrauen und Verbindlichkeit auf so vielen Ebenen fordern. Zeit und Privatsphäre, Besitz, Gedanken- und Gefühlswelten verschmelzen. Und auch wenn es heute nur selten der Tod ist, der scheidet, so ist eine ernsthafte Beziehung immer noch ein Projekt mit Investitionen auf Jahre hinweg. Diese heilige Bande (Femininum) – die Erinnerungen und Träume zweier Menschen, ihre Immobilien, Kinder und Steuerklassen – soll nun an einem dünnen Bande (Neutrum) hängen, das sich durch profane Beckenstöße trennen lässt? Das erscheint nicht durchdacht. Machen eine Beziehung denn nicht die gemeinsamen Momente aus? Die Interessen, die man teilt, die Gedanken, die man austauscht, die Ideen, die man gemeinsam entwickelt? Eine Liebesbeziehung, das ist das Tiefmenschliche und Tiefemotionale. Und zerstört werden soll das durch das das Oberflächlich-Animalische? Was sagt das über das Fundament unserer Gesellschaft aus?

In oberflächlicher Gesellschaft

Beginnt die Gefährdung der eigenen Beziehung also schon, wenn der Partner bloß platonische Aktivitäten mit einem potenziellen Geschlechtskonkurrenten ausübt? Ist Zweisamkeit außerhalb der Ehe tabu? Das wiederum erscheint wie ein krasser Widerspruch zu einer Gesellschaft der sich selbst verwirklichenden Individuen. Die Beziehung wird zum goldenen Käfig. Von seiner Peergroup und seinen Lieblingsinfluencern lässt man sich ja vieles an Lebensgestaltung vorschreiben, aber vom Partner? Niemals! Dann lieber Single.

Zumindest einen dieser Widersprüche aufzulösen verspricht das Konzept der offenen Beziehung. Sex außerhalb der Paarbeziehung ist hier erlaubt, unter Umständen auch romantische Nebenbeziehungen, denn Begierde entlädt sich nicht immer auf besagter Clubtoilette, sondern erfordert bisweilen etwas buhlen und hofieren. Das wortwörtliche Herantasten an den anderen braucht schon ein paar Treffen. Nicht ins Hintertreffen geraten hingegen soll der eigene Partner durch Regeln, die für die Nebenbeziehungen gelten – und durch die Gewissheit, dass man immer wieder zurückkommt. Ein Seitensprung resultiert nicht zwangsläufig aus einer Weg-von-Motivation (weg von der/dem nervigen Alten), sondern eventuell aus einer Hin-zu-Motivation: hin zu einem attraktiven Menschen. Hin zu Abenteuer. Hin zum Funken des Flirts. Dann aber zurück in das heimische Nest der herzlichen Liebe. Und wer weiß, vielleicht entfacht jener Funke auch wieder die Flamme der körperlichen Lust zu Hause aufs Neue? 

Überfordert in der Beziehung

So eine Beziehung erfordert viel Vertrauen und noch mehr Kommunikation. Grenzen müssen klar gesetzt und immer wieder neu verhandelt werden. Bedürfnisse und Ängste gehören besprochen und respektiert. Mit alldem sind die meisten Menschen schon bei der klassischen Version einer Beziehung mit ihren standardisierten unausgesprochenen Regeln überfordert. Und da sprechen wir noch gar nicht vom Ego und von Eifersucht! Und wie ist das mit dem Funken, der etwas zum Lodern bringt? Erinnern Sie sich noch, wie Sie Ihren jetzigen Partner kennengelernt haben? Was machen Sie denn, wenn da auf einmal zwei Feuer brennen?

Marek Firlej

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