Rüdiger Schmidt-Sodingen

Lost Place – Found

31. Oktober 2023

Vor 10 Jahren feierte das Hamburger Rialto ein zweites Leben – Vorspann 11/23

Es ist Zeit, an eine einmalige Aktion zu erinnern, die vor genau zehn Jahren im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg stattfand. Bei seinem Spaziergang durchs Viertel stieß der Unternehmer Stephan Reifenrath am Vogelhüttendeich 30 auf die alten Rialto-Lichtspiele, die irgendwann Ende der 1980er Jahre geschlossen worden waren. Seitdem stand das Kino leer und gammelte vor sich hin. Reifenrath sah sich den Flachbau an, die alten Kacheln an der Fassade, die vergilbte Schrift, die seit Jahren nicht mehr eingeschaltete Lichtreklame, die klapprigen Holztüren, die Wendeltreppe im Hof, die zum Vorführraum führte.

Mit zahllosen privaten und gewerblichen Unterstützern sperrte Reifenrath dann das verwaiste Kino zum 100. Geburtstag auf – und feierte dort von März bis Oktober eine besondere Kinosause mit Filmen, Live-Veranstaltungen und einem Stelldichein verschiedener Menschen. 337 Veranstaltungen binnen 180 Tagen stellte das Rialto-Team auf die Beine – und feierte so auf magische Weise das Kino. Heinz Strunk und Harry Rowohlt lasen, Charlie Chaplin und die Blues Brothers fegten noch einmal über die Leinwand, Partys, Sendungen und Berichte folgten. Wim Wenders spendete 250 Euro, die K-Motion-Kinogruppe 2.600 Euro, Coca-Cola 15.000 Flaschen seiner Brause.

Damit das alles funktionieren konnte, musste das Kino einmal generalüberholt werden. Die Decke musste wieder verschlossen, der Zuschauerraum von Wasserflecken, aufgequollenem Holz und kaputten Sitzen befreit werden. Tatsächlich wurde die erste Begehung des „Lost Place“ zu einem Abenteuer – und zu einer Zeitreise. An der alten Kasse schlummerten unter dicken Staubschichten noch ein paar Trailer zu „Commander Stones“, „Hardcore Dream“ und „All Night Long“, die nicht an die Verleiher zurückgeschickt worden waren. Im Holzrahmen in der Lobby wachte einsam ein James-Bond-Plakat zu „Liebesgrüße aus Moskau“.

Reifenrath konnte das Kino nicht retten – aber seine Aktion dürfte in die Geschichtsbücher eingehen. Mit welchem Elan verschiedenste Menschen sich Overalls anzogen, um das Haus aufzuräumen und für ein paar Monate zu renovieren – das war unglaublich. Unglaublich schön. Und auch wenn das Rialto 2017 dann doch abgerissen wurde, um einen neuen Wohnhaus Platz zu machen, ist das Kino irgendwie noch da. In Hamburg spricht man immer noch über diese Aktion. Auch viele Menschen, die den Rialto-Sommer übers Internet mitverfolgt haben, werden ihn nicht vergessen. Er war und ist eine Werbung für alle Traumtempel – für die Kinos an der Ecke, die so viele Geschichten gezeigt haben, dass sie selbst Geschichte wurden.

Rüdiger Schmidt-Sodingen

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