Direkt am Hauptbahnhof von Recklinghausen steht noch das beeindruckende Capitol-Theater, das 1956 von den Bochumer Filmtheaterbetrieben Heukeshoven eröffnet wurde und lange als eines der schönsten Kinos des Ruhrgebiets galt. Fast 20 Jahre wurde das Haus von Kurt Warmbold betrieben, danach griff 1986 Gerd Politt zu, der es 2003, 4 Jahre nach der Eröffnung des Multiplexes Cineworld auf der Kemnastraße, aus Insolvenzgründen aufgeben musste. Zuletzt fungierte das Capitol kurz als Nachspielkino und sogenanntes One-Dollar-House, bevor es schloss und dann Heimat einer Spielhalle wurde.
Das Capitol steht für viele andere Ruhrgebiets-Kinos in mittelgroßen Städten, die entweder den Videoboom oder die darauffolgende Multiplex-Ära nicht überlebten. Die Städte zuckten die Schultern und wollten nicht eingreifen, überließen selbst Prunkbauten und 100 Jahre alte Betriebe dem freien Immobilienmarkt. In Recklinghausen gibt es nun nur noch die Cineworld mit 7 Sälen, mittlerweile betrieben von der ehemaligen UFA-Familie Riech. Theaterleiter Kai-Uwe Theveßen kämpft als echter Kinoheld seit Corona um jeden Besucher, gegen Corona-Ängste und explodierende Stromkosten.
Längst hat sich die Cineworld zu einer 360-Grad-Verfechterin des Kinoerlebnisses gemausert. Es geht eben nicht nur um Popcorn und Blockbuster, sondern auch darum, Kino als zentralen Treffpunkt und Kommunikationsort zu begreifen. In der Cineworld wird klar, dass eine Stadt wie Recklinghausen, die bereits 1907 mit dem Apollo am Markt 2 ein erstes Lichtspielhaus besaß, endlich das Kino als tägliche, praktische Begegnungsstätte, als Geschichts- und Lernort stützen muss.
Überall wird davon geredet, wie die Städte wieder Leben in die Einkaufsstraßen bekommen sollen und müssen, nachdem der Einzelhandel zuschließt oder sich mit temporären Pop-up-Stores neu erfindet. Man kann es deshalb nicht oft genug sagen: Die bis zum späten Abend offenen, verlässlichen Leuchttürme der Innenstädte sind die Kinos. Die Cineworld steht mitten im Zentrum und eben nicht in irgendeinem Gewerbegebiet. Und jawohl, sie ist längst auch zur Vermittlerin der Filmkunst geworden. Am 24. September begrüßte das Haus, im Rahmen des Kirchlichen Filmfestivals, Volker Schlöndorff und zeigte vor fast ausverkauftem Haus dessen Regiedebüt „Der junge Törless“.
Die Robert-Musil-Adaption um einen jungen Mann, der in einem Internat tatenlos den Quälereien eines Mitschülers zusieht, passt wie die Faust aufs Auge, wenn es um die Bedeutung öffentlicher Treff- und Erlebnisorte geht, die als Anlaufstellen und informelle Bildungsorte Mut und Freunde machen. Die, wie das Kino, für mehr Auge und weniger Faust stehen.
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