Möchte nicht nur zur Unterhaltung ins Kino: Lisa Mertens

Warum Kino?

18. Dezember 2014

Gegen unsere selbstzufriedene Bequemlichkeit – Vorspann 01/15

Warum gingen wir 2014 ins Kino? Gemessen an den Filmen mit den meisten Kinobesuchern hauptsächlich der Unterhaltung wegen. Die französische Kost hat seit „Ziemlich beste Freunde“ bei uns einen Stein im Brett und so landete die Multikulti-Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ von Philippe de Chauveron auf Platz eins der deutschen Kinocharts. Zu den Top Ten gesellte sich Kurzweiliges wie „Bad Neighbors“ und Schweighöfers „Vaterfreuden“, große Filme großer Namen wie Martin Scorsese mit „The Wolf of Wall Street“ sowie erfolgreich fortgesetzte Reihen von „Drachenzähmen leicht gemacht“ und „Rio“ über „Transformers“ bis „Die Tribute von Panem“. Der letzte Teil der Hobbit-Trilogie arbeitet sich gerade hoch und wird wohl bald auf Platz eins thronen.

Warum gehen wir noch ins Kino? Trotz aller Unkenrufe, dass das Kino angesichts neuer Technologien immer mehr in die eigenen vier Wände verlegt werde, geben die Filmfreunde hierzulande bei Umfragen an, dass sie das Kino noch immer wegen des Erlebens schätzen. Gute Qualität auf großer Leinwand schlägt abgefilmte Kinofilme auf Fernseher oder Laptop und selbst ein teures Heimkino-System kann nicht mithalten mit einem Sound, der den ganzen Raum einnimmt. Nicht zuletzt geht man ganz bewusst raus und hinein ins Kino, trifft andere Menschen und genießt in der Menge mit einer gewissen Wechselwirkung.

Warum sollten wir im Januar 2015 ins Kino gehen? Filme wie „Das Salz der Erde“ von Wim Wenders haben gezeigt, dass neben der bloßen Unterhaltung die Bilder, die eindrücklich, schonungslos und intim Geschichte erzählen, eine starke Wirkung beim Zuschauer erzielen und noch lange nachhallen. Jüngst räumte die leise Dokumentation „Der Bauer bleibst du“ von Selfmade-Regisseur Benedikt Kuby auf dem 25. Kinofest in Lünen die Preise ab, auch den Publikumspreis. Geschichten aus dem wirklichen Leben können tief berühren. Dokumentarfilme aus NRW laufen daher nach den erfolgreichen letzten Jahren erneut gebündelt im Festival „Stranger Than Fiction“ in den Ruhrkinos. Das endstation Kino in Bochum, das sweetSixteen in Dortmund und die Essener Filmkunsttheater laden in diesem Monat ein, die lebendige Filmszene NRWs mit ihrem breiten Spektrum der Erzählungen und Erzählweisen zu erleben und darüber hinaus in den Dialog mit den Filmschaffenden selbst zu treten. Einen weiteren Dokumentarfilm im Januar unter dem Titel „Stranger Than Fiction“ zusammenzufassen, wäre unglaublich daneben: Er ist nicht strange, er zeigt, dass das Leben auch die furchtbarsten Geschichten schreibt, die weder Bild noch Wort tatsächlich wiedergeben können. Die Rede ist von dem filmischen Dokument „Shoah“ von Claude Lanzmann. Lanzmann weigerte sich bewusst, den Holocaust in Form eines Spielfilms zu rekonstruieren, er interviewte ausschließlich Überlebende sowie weitere Zeitzeugen, er bleibt nüchtern und wird dadurch schrecklich realistisch, er zeigt, wie der Holocaust bis in die Gegenwart weiterführt. Am 25. Januar wird „Shoah“ das erste Mal in Essen in voller Länge gezeigt, Lanzmann wird selbst anwesend sein und in den Pausen Diskussionen leiten.

Warum also sollen wir weiterhin ins Kino gehen? Niemand möchte das Recht auf Unterhaltung nehmen, doch Kino muss auch die unangenehme Wahrheit über die menschliche Perversität in unsere Köpfe bringen, die wir nur zu gerne zugunsten von komfortabler und bequemer Selbstzufriedenheit vergessen würden.

LISA MERTENS

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