Online-Journalismus: das Beste aus beiden Welten?
Foto: Amélie Kai

Wer will schon „Klickvieh“ sein?

31. Juli 2014

Das Internet- Zeitungsprojekt Krautreporter sucht neue Wege zur Finanzierung – Thema 08/14 Medien

Krautreporter. Klingt nach Unkraut, Wildkraut, Heilkraut. Jedenfalls nach etwas, das unaufhaltsam ist, kraftvoll und heilsam, von unten kommt. Also fast so wie Graswurzelrevolution. Ein kleiner Hauch von Revolution, aber sanft und grün. Genau das ist es, was die 27 Journalisten wollen, die sich in dem Projekt „Krautreporter“ zusammengeschlossen haben. Mit besseren Artikeln, spannenden Geschichten wollen sie den Onlinejournalismus revolutionieren. Dort nämlich, so ihre Kritik, geht es nur um „Klickzahlen“. Je mehr Internetnutzer einen Artikel anklicken, desto interessanter werden die Anbieter für zahlende Werbekunden. Also steigt ihr Preis. Wo aber Klicks bare Münze bedeuten, dominiert alles, was Aufmerksamkeit erregt: Sensationen, Schnellschüsse und Skandale haben Vorrang und verdrängen gute Recherche, knallharte Analyse, scharfe Kritik. Um bessere Geschichten oder Geschichten besser zu erzählen, müssen Journalisten in Ruhe recherchieren, analysieren und schreiben können. Weil das mit Werbekunden nicht geht, müssen die Leser zahlen, und zwar vorab: 900.000 Euro sammelten die „Krautreporter“ im Frühjahr im Internet per „Crowdfunding“. So viel brauchen sie, um das geplante Onlinejournal ein Jahr lang zu betreiben. 60 Euro kostet das Abo für ein Jahr, dafür erhält der interessierte Leser fünf Geschichten pro Tag. So weit so gut und gar keine schlechte Idee.

Wer mag bezweifeln, dass der Onlinejournalismus frische Impulse gebrauchen kann? Dass er „kaputt“ ist, wie die „Krautreporter“ diagnostizieren, um sich selbst großspurig als Heilmittel zu empfehlen, klingt allerdings ein bisschen übertrieben. Und ein Blick auf die Fragen, denen die 27 Nachwuchsjournalisten in ihrem vorfinanzierten Journal ab Herbst nachgehen wollen, lässt nicht erwarten, dass sie das Rad neu erfunden haben: Regionale Tomaten im Vergleich zu holländischen, Umweltgifte, Zahnreinigung und ein Vergnügungspark stehen auf der Themenliste, dazu der NSU und gleich zweimal die israelischen Siedler. Nun ja. Womöglich haben die Revolutionäre des Onlinejournalismus hier statt der Liste der brennenden und weithin ausgeblendeten Fragen doch eher die der journalistischen Ladenhüter aus der Schublade geholt. Ein interessanter Ansatz aber ist das durch Crowdfunding finanzierte Journal durchaus, dazu einer, der in Frankreich und in den Niederlanden bereits erfolgreich praktiziert wird. Und fraglos originell ist, dass alle die Artikel lesen dürfen, aber nur zahlende Kunden auch kommentieren können. Also nicht die Neugier, sondern die Sehnsucht, gehört und wahrgenommen zu werden, die Geldgeber motivieren wird. Wer will schon „Klickvieh“ sein, wenn er es sich leisten kann, seine Meinung zu sagen? Dass sich hier eine Revolution anbahnt, steht dennoch nicht zu befürchten oder zu hoffen, selbst wenn die Rudolf-Augstein-Stiftung nicht mit einer kräftigen Finanzspritze beteiligt wäre. Aber eine flotte Werbeidee sind die „Krautreporter“ nun wirklich.

Dagmar Kann-Coomann

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