Deutschland ist nicht die erste Wahl für Fachkräfte
Foto: Kzenon / Adobe Stock

Zum Schlafen und Essen verdammt

19. Dezember 2024

Teil 3: Leitartikel – Deutschlands restriktiver Umgang mit ausländischen Arbeitskräften schadet dem Land

Anfang 2022 richtete der Orkan Zeynep erhebliche Schäden an. Auch bei mir. Herumfliegende Gegenstände trafen eine Sprossen-Fensterscheibe. Bis heute hat sie einen Riss. Nicht etwa, weil ich Wabi-Sabi-Anhängerin bin, sondern weil sich kein Glaser findet. Nicht nur Glaser sind knapp. Landesweit werden Fachkräfte in allen möglichen Branchen gesucht. Es gibt zu wenig Handwerker:innen, Pfleger:innen, Lehrer:innen. Selbst Putzhilfen, die früher die Kleinanzeigen mit ihren Diensten fluteten, sind heute verschwunden. Der viel bejammerte Fachkräftemangel.

Deutschland ist nicht erste Wahl

In einer Gesellschaft mit mehr alten als jungen Menschen gibt es auch weniger Azubi-Nachwuchs. Deutsche Unternehmen sind daher auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Deshalb hat die Bundesregierung schon 2012 das sogenannte Anerkennungsgesetz eingeführt, um Fachkräfte aus dem Ausland anzulocken. 400.000 müssten es jährlich sein, laut Einschätzung der Regierung. 2023 wurden 48.546 Anträge gestellt. Gestellt, nicht beschieden. Denn Deutschland ist bei hochqualifizierten Fachkräften nicht das Land der ersten Wahl. Und wenn, dann sorgen die Anerkennungs-Hürden dafür, dass manche Ärztin als Arzthelferin, mancher Pädagoge als Taxifahrer und mancher Klempner nur noch als Handlanger arbeitet. Zum 1. März wurde das Gesetz vereinfacht. Ausländische Fachkräfte sollen nun schneller ihre Berufe anerkannt bekommen.

Während das Anwerben von ausländischen Fachkräften nicht mehr kontrovers diskutiert wird, wird immer noch heftig über die Aufnahme von Flüchtlingen gestritten. Deren Zahl übersteigt die der Menschen, die zum Zweck der Erwerbstätigkeit kommen. Auch hier wird versucht, mit dem Chancenaufenthaltsgesetz Abhilfe zu schaffen. Es wurde Ende 2022 beschlossen, um langjährig in Deutschland lebenden geduldeten Asylbewerbern oder solchen mit Aufenthaltserlaubnis auf Antrag einen Rechtsstatus für 18 Monate zu sichern. Anfang 2024 waren 55.000 Anträge eingegangen. Doch eine Voraussetzung hierfür ist, bereits eine Arbeit zu haben. Dabei ist genau das die Herausforderung, denn viele Geflüchtete dürfen gar nicht arbeiten. Erst nach vier Jahren dürfen sie jede Arbeit aufnehmen. Davor ist der Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt ausgeschlossen oder nur unter Auflagen erlaubt. Die meisten Geflüchteten sind junge Menschen im besten Ausbildungs- und Arbeitsalter, die arbeiten oder einen Beruf erlernen wollen. Sie sind aber zum Nichtstun gezwungen. „Donc, depuis que je suis quitté là bas je suis venu ici, on fait que manger dormir manger dormir et on perd aussi beaucoup de temps et ça c'est un grand problème“, wird ein junger Geflüchteter in einer aktuellen Studie in der Zeitschrift für Migrationsforschung zitiert: zum Schlafen und Essen verdammt. 

Verlorene Lebenszeit

Die Wissenschaftlerinnen der Studie erkennen eine große Frustration bei den Befragten und die „Erfahrung eines immensen Zeitverlustes“. Wer 2015 mit 16 Jahren nach Deutschland kam, könnte längst Fachkraft sein, wenn sofort mit Maßnahmen wie Sprachkursen und Ausbildung begonnen worden wäre. Wer aber 2, 3 oder mehr Jahre in Frustration verbringt, hat es viel schwerer, einen Beruf zu erlernen oder sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir tun uns keinen Gefallen mit restriktiven Vorgaben. Wir vergessen auch, dass wir nicht nur die Top-Spezialist:innen brauchen, die sich sowieso lieber in andere Länder begeben. Eine bessere Willkommenskultur und eine frühere Qualifizierung von Menschen, die bereits hierhergekommen sind, könnten helfen. Doch solange Deutschland so abweisend-restriktiv bleibt, wird der Fachkräftemangel anhalten.

Tina Adomako

biograph | choices | engels und trailer - die online Kinoprogramme für
Bochum, Bonn, Castrop-Rauxel, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Frechen, Gelsenkirchen, Hagen, Herne, Hürth, Köln, Leverkusen, Lünen, Mülheim, Neuss, Oberhausen, Recklinghausen, Solingen und Wuppertal