Essen, 17.11. – Auf der Leinwand wird viel gestorben. Selten aber konnte man dem Sterben so wirklichkeitsnah beiwohnen wie in Andreas Dresens neuestem Film. Die Geschichte von Frank Lange, der durch eine niederschmetternde Krebsdiagnose aus der Mitte seines Lebens gerissen wird, feierte am Tag des bundesweiten Kinostarts seine NRW-Premiere in der Essener Lichtburg. In einem langen und bewegenden Gespräch mit dem Regisseur, seinem großartigen Hauptdarsteller Milan Peschel und dem Produzenten Peter Rommel redete man anschließend aber nicht nur über den Tod. Die Zuschauer teilten die Einschätzung, der Film mache Mut, obwohl oder gerade weil es ums Sterben geht.
Andreas Dresen wollte keinen Film über die Missstände des deutschen Kranken- und Pflegesystems machen. Es ging ihm nicht darum, irgendjemanden zu denunzieren. Nicht den Arzt, von dem man erwartet, dass er die richtigen Worte findet, und den die Diagnose doch ebenso sprachlos macht wie alle anderen. Nicht die Therapeutinnen, die sich als Vertreterinnen einer esoterischen Heilungsphilosophie um Kopf und Kragen reden und sich dabei in leere Worthülsen verstricken. Oder die Tochter, die beleidigt ist, weil Frank zusammenbricht und der Familienausflug ins Badeparadies damit beendet ist. Denn wie sieht der richtige Umgang mit dem Tod aus? Wie bewahrt man die Fassung, wenn er einem wirklich und tatsächlich auf die Pelle rückt? In der Sprach- und Hilflosigkeit angesichts des Todes komme, so erläuterte der Filmemacher, etwas ganz Menschliches zum Ausdruck. Diese „Ohnmacht vor dem Schicksal“ ist eines der zentralen Themen des Films.
Die Kamera fängt in vielen Nahaufnahmen jene Momente ein, in denen alles zusammenbricht – die Hoffnung, der Körper und schließlich das Leben. Und doch ist „Halt auf freier Strecke“ viel mehr als ein Sterbedrama, darin waren sich an diesem Abend alle einig. Immer wieder gibt es Szenen kleinen Glücks, Momente der liebevollen Zuneigung. Und wenn sich Lilly in der letzten Einstellung, kurz nachdem ihr Vater gestorben ist, umdreht und sagt, sie müsse jetzt zum Training, dann ist das als programmatisch zu begreifen. Die Kurve „zurück ins Leben“ kriegen – das war der Ansatz. Franks Familie wächst an der Herausforderung, ihn auf seinem Weg in den Tod zu begleiten. In der größten Not rücken die Menschen zusammen. Am Ende ist es ein zärtlicher, ruhiger Abschied, ein Augenblick, „in dem alle Tränen geweint sind“. Der Tod gehört zum Leben und das Leben wird nun weitergehen.
Begeistert zeigte sich das Essener Publikum von Milan Peschels darstellerischer Leistung. Für den Schauspieler waren die vielen Gespräche mit den Menschen, die er während der Drehvorbereitung kennengelernt hat, am wichtigsten, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Dieses Projekt war nicht nur für ihn eine ganz besondere Reise; eine, von der er heute froh ist, sie gemacht zu haben. Für alle Beteiligten scheint es zunächst ein emotionales Wagnis gewesen zu sein. Andreas Dresen hatte zwischenzeitlich Probleme, in den Alltag zurückzukehren, so sehr nahm ihn das Thema mit. Aber mit der Zeit wurde es leichter und es hat sich gezeigt, dass es sehr hilfreich sein kann, das Sterben an sich heranzulassen.
Realität und Fiktion greifen bei Dresen ineinander. Anstatt eines Drehbuchs gab es lediglich einen Szenenfahrplan, der die grobe Richtung vorgab. Der Rest war Improvisation. Viele kleine wahre Geschichten haben Eingang in die Erzählung gefunden. Und neben professionellen Darstellern auch mit „echten“ Protagonisten zu arbeiten, war von großer Bedeutung. Als es in der Lichtburg aber um die Genre-Bestimmung seines Films ging, blieb der Filmemacher eindeutig: es gebe dokumentarische Elemente, aber dies sei ganz klar ein Spielfilm.
Mehr als das. Mit „Halt auf freier Strecke“ haben Dresen, Peschel und Rommel in Essen einen großen Kinofilm vorgestellt, der nicht nur hier lange nachklingen wird.
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