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Biermann

Biermann
Deutschland 2026, Laufzeit: 120 Min., FSK 0
Regie: Jens Meurer
Darsteller: Wolf Biermann, Pamela Biermann, Ulrich Gumpert
>> www.majestic.de/biermann/

Meine Meinung zu diesem Film

Ausbürgerung - 50 Jahre danach...
Olli (109), 02.11.2026

Als ich Kind oder Jugendlicher war, empfand ich es als normal, dass die Alten auch vom Krieg oder von Flucht und Vertreibung erzählten. Wenn heute Wolf Biermann über die miterlebte Bombennacht in Hamburg und die Ermordung seines Vaters in Auschwitz spricht, kommt das einem vor, wie ein Bericht aus einer anderen Welt oder eben wie aus einem Film. Alle, die diese Zeit selbst miterlebt haben, sind eigentlich bereits verstorben. Und doch liegt Krieg wieder wie eine Dunstwolke über unserem Land. Eine Wolke, von der alle hoffen, dass sie sich nicht entlädt, sondern, dass sie sich wieder verzieht und auflöst.
Woran sich meine Generation allerdings erinnert, ist die Ausbürgerung des Dichters und Liedermachers Wolf Biermann 1976 aus der DDR. Wider erwarten löste diese Aktion eine große Solidarisierung in der Kunstszene des Arbeiter- und Bauernstaates aus. Der Bürger hat davon nur aus dem Westfernsehen erfahren. Ergebnis war die Ausgrenzung der Künstler, die die Protestnote gegen die Ausbürgerung Biermanns unterschrieben hatten. Oft war für die Unterzeichner eine Ausreise in die Bundesrepublik der einzige Weg, um weiterhin beruflich tätig sein zu können.
Biermann spitzt seine Aussagen oft soweit zu, dass sie weh tun. So kritisiert er den Opportunismus der Menschen, die sich in der DDR eingerichtet haben. Hier gab es sicherlich unterschiedliche Grade der Anpassung, aber in letzter Konsequenz hat er recht. Aber Vorsicht: Opportunismus ist kein Phänomen der Diktatur. Werden nicht auch heute zum Teil Potemkinsche Dörfer als Errungenschaft der Demokratie verkauft oder mit raffiniertem Marketing-Sprech nicht nur Produkte sondern auch Ideen an den Mann und an die Frau gebracht? In der Regel schweigen wir und lassen die Dinge laufen. Beim Thema Klimawandel verweisen wir z.B. gern auf die Handlungsunwilligkeit des Staates, unseren eigenen Opportunismus hinterfragen wir eher ungern.
Biermann sieht die Vision des Kommunismus, die er zunächst begeistert vertritt, als gescheitert an. Weltliche Heilsbotschaften schaffen keinen neuen Menschen. Der Atheist Biermann steht damit der Lutherischen Rechtfertigungslehre näher als mancher evangelische Christenmensch.

Der Film und damit die Erinnerung an Wolf Biermann kommen zur richtigen Zeit. Es wäre wünschenswert, wenn die Lebensgeschichte auch die heutige Generation inspiriert und zum Nachdenken anregt. Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, Wolf Biermann!

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